Das Stotterer-Training ist in ein Basistraining und nachfolgende Vertiefungstrainings gegliedert und als Intensivkursus konzipiert, der sich in seiner therapeutischen Konzeption an Fiedler & Standup (1994) anlehnt und über einen Zeitraum von einem Jahr stattfindet. Unsere Interventionen greifen daher sowohl auf der Ebene des Stotterns als auch der sozialen Ebene.
Das Stotterer-Training betont die ganzheitliche Betrachtungsweise des Menschen. Es basiert auf den Grundlagen der humanistischen Psychologie und ist tiefenpsychologisch fundiert. Darüber hinaus kommen verhaltenstherapeutische Elemente zur Anwendung, beispielsweise die Analyse des Problemverhaltens nach dem > Sorck-Modell von Kanfer & Saslow (1970), das > Erlernen sozialer Kompetenz (Ullrich & Ullrich, 1976), Aspekte des > Modelllernen nach Bandura (1969, 1976, 1978) und der > Stressimmunisierung (Meichenbaum, 1977), um den Patienten einen adäquaten Umgang mit ihrer Angst vor dem Stottern zu ermöglichen.
Die Sprechsituationen werden durch > in-vivo-Konfrontationen in den spezifischen Angstsituationen der Patienten eingeübt, was eine hohe ökologische Validität bzw. Alltagsnähe verspricht. Angstinkompatible Situationen werden durch den Einsatz diverser Entspannungsverfahren erreicht, wobei u.a. die > Konzentrative Meditation und > hypnotherapeutische Elemente (Erickson, 1978) zur Anwendung kommen. Die Einübung flüssigen Sprechens basiert auf atemtherapeutischen Prinzipien, die durch die Wahrnehmungslenkung körpertherapeutisch unterstützt wird.
Stotterer sind oft besondere Menschen mit besonderen Qualitäten und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Namhafte Beispiele aus der Geschichte gibt es genug. (Politiker, Schriftsteller, Schauspieler etc.). Unsere TeilnehmerInnen haben also allen Grund selbstbewusst zu sein.
Wir erklären den Zusammenhang zwischen Atmen und Sprechen, insbesondere zwischen Zwerchfell und Stimmbildung. Als nächsten Schritt trainieren wir die Funktion des Zwerchfells mittels Atemtraining. Dann nutzen wir Techniken aus der Stressbewältigung, speziell das Intervenieren des Stressablaufs durch Wahrnehmungslenkung. Selbst Teilnehmer mit starken Stottersymptomen und starkem Stottern sprechen meist bereits am ersten Kurstag ganze Sätze stotterfrei. Das gibt uns allen Mut.
Gleichzeitig üben wir sehr wirksame Entspannungstechniken ein. Dazu zählen Meditationstechniken, Tiefenentspannung und Fantasiereisen, die auf die Problematik des Stotterns hin modifiziert sind und das gesamte Training einrahmend begleiten und das Stottern auf natürliche Weise reduzieren.
Wir setzen mentale Techniken zur Deprogrammierung der unterbewusst wirkenden Verhaltens- und Stotterstrukturen ein, um uns nach und nach der alten Sprechmuster zu entledigen und das subjektive, reale Gefühl von “ich kann jederzeit fließend sprechen” bewusst und konsequent aufzubauen und zu festigen.
Im weiteren Verlauf des Kurses wird geübt, die individuellen Möglichkeiten der Wahrnehmungslenkung und mentalen Aufarbeitung der Stotterstrukturen zu perfektionieren und in jeder Situation anzuwenden.
Stressreduzierende Techniken und Stressinterventionsanleitungen nach dem S-O-R-K-Modell unterstützen diese Arbeit. Die TeilnehmerInnen werden angehalten, sich absichtlich in schwierige Sprechsituationen zu begeben, um die Techniken zu trainieren und die Ängste vor dem Stottern mehr und mehr abzubauen. Im Gesprächskreis werden Erfahrungen darüber ausgetauscht und auf die Wichtigkeit der kontinuierlichen und konsequenten aber auch spielerischen Anwendung der erlernten Techniken hingewiesen. Der Teilnehmer wird ermutigt eventuelle - oder gar wahrscheinliche - Rückschläge als Anreiz zu sehen, weiter an sich zu arbeiten; Motto: wir machen aus Stolpersteinen Meilensteine!
Als wichtigen Aspekt betrachten wir auch das Erlernen der Fähigkeit, sich der eigenen tiefen Gefühle von Angst, Scham und Verletztheit bewusst zu werden und diese zu transformieren, um somit freier und authentischer handeln bzw. sprechen zu können. Hieran wird selektiv nach Alter und Reife der Teilnehmer gearbeitet.
Viele der uns bekannten Techniken und Werkzeuge zur Bewältigung des Stotterns wurden den Teilnehmern vermittelt. Durch die Möglichkeit zur Teilnahme an regelmäßigen Stotterer-Treffs und an einzelnen Tagen der stattfindenden Kurse steht zusätzlich ein wichtiger Support zur Verfügung. Wer an der Lösung seines Stotterproblems interessiert ist, findet hier auch nach dem Basiskurs wertvolle, weiterführende Unterstützung.
Zudem regen wir den Austausch zwischen den Gruppenteilnehmern und das Bilden von Arbeitsgemeinschaften an. Jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer stehen wir zusätzlich zur kostenlosen telefonischen Beratung zur Verfügung. Sollte dies aus terminlichen Gründen nicht sofort möglich sein, so bieten wir einen kurzfristigen Gesprächstermin an.
Wir wollen uns mit unserem Stottern bewusst auseinandersetzen, die Sprechprobleme als positiven Aspekt betrachten und unsere soziale Kontaktfähigkeit und unseren Spaß wiederentdecken. Wir wollen alltagstaugliche Techniken lernen, um das fließende Sprechen letztendlich in jeder Situation zu beherrschen. Wir wollen die tiefsitzende Ängste vor dem Ausgelacht werden, der Demütigung und der sich daraus entwickelnden Scham lindern oder gar vergessen.
Wir wollen uns selbst und anderen beweisen, dass wir in der Lage sind, fließend zu sprechen und dies auch tun. Nach konsequentem Training, über einen unserem Stottergrad entsprechenden Zeitraum, haben wir unser Sprechen mental und emotional im Griff. Arbeiten wir darüber hinaus weiter, so stehen die Chancen gut, dass letztendlich alle Sprechängste von uns abfallen. Dann brauchen wir auch keine Techniken mehr!